


Meine Schwägerin war bis zur Geburt ihrer Tochter eine Frohnatur, ein sozial aufgeschlossener, sehr ausgeglichener und unternehmungslustiger Mensch. Sie liebte Kinder und war überglücklich, als sie schwanger wurde. Sie brachte im Frühling 2018 ein gesundes Mädchen zur Welt. Als ihre Tochter ein paar Wochen alt war, rief sie mich unter Tränen an und sagte mir, dass es ihr nicht gut gehe. Ich wollte ihr so gerne helfen, sie in den Arm nehmen und für sie da sein. Jedoch liegen zwischen unseren Wohnorten über 850 km, sodass unsere Kommunikation zu diesem Zeitpunkt ausschliesslich über das Telefon stattfinden konnte.
Bei ihr führten verschiedene Ursachen zu einer postpartalen Depression, da weder die Schwangerschaft noch die Geburt komplikationslos verliefen. Ausserdem war sie nach der Geburt nahezu auf sich allein gestellt, da eine grosse örtliche Distanz zu nahezu allen engen Bezugspersonen, mit Ausnahme ihres Ehemannes und enger Freundinnen, bestand. Es gab auch mehrere Gründe, weshalb die Depression nicht sofort erkannt wurde. Für meine Schwägerin war es die erste Schwangerschaft, sodass sie selbst ihre Stimmung und auch die Schlafstörungen nicht richtig einordnen konnte. Da sie gerade Mutter geworden war, ist es ganz natürlich, dass sowohl die Nächte als auch die Tage sehr anstrengend und kräftezehrend waren und die erste Zeit auch aufgrund der Umstellung zu starker Erschöpfung führte. Als sie spürte, dass ihr Zustand nicht mehr „normal" war, wurde sie weder von ihrer Frauenärztin noch an weiteren Anlaufstellen, bei denen sie um Hilfe bat, ernst genommen.